Vom ersten Greifen nach der eigenen Hand bis zum Brettspiel mit einfachen Regeln: Die kindliche Spielentwicklung verläuft in gut erkennbaren Phasen. Funktionsspiel, Symbolspiel, Konstruktionsspiel, Rollenspiel und Regelspiel bauen dabei aufeinander auf und greifen ineinander. Wer diese Schritte kennt, kann das Verhalten des Kindes besser einordnen und gezielt Spielwaren auswählen, die Freude bereiten und die Entwicklung liebevoll begleiten.
Warum Spielen viel mehr ist als Beschäftigung
Spielen ist für Kinder Fortbildung, Fitnessstudio und Auszeit in einem. Beim Spielen
- entdecken Kinder ihren Körper und ihre Umwelt,
- üben sie Motorik, Sprache und Denken,
- lernen sie soziale Regeln und Konfliktlösungen,
- stärken sie ihr Selbstvertrauen.
Die Vereinten Nationen haben das Spiel nicht ohne Grund als Kinderrecht festgeschrieben. Spielen ist keine "Lücke zwischen den wichtigen Dingen", sondern die natürlichste Form des Lernens.
Funktionsspiel: Lernen mit allen Sinnen (etwa 0 bis 2 Jahre)
Bevor die ersten Worte kommen, spricht der Körper schon längst mit. Fachleute nennen das sensomotorisches Spiel: Ihr Kind probiert mit Händen, Füßen und Blicken aus, wie die Welt funktioniert. Jede Bewegung ist ein kleines Experiment: "Ich mache etwas – und es passiert etwas."
Schon im Bauch sammelt Ihr Baby erste Erfahrungen mit Bewegung, Berührung und Klang. Werdende Mütter spüren zum Beispiel Tritte gegen die Bauchdecke, oder der Papa wird sanft angestubst, wenn er die Hand auf den Bauch der werdenden Mutter legt.
Nach der Geburt wird dieses innere "Übungsprogramm" sichtbar – und genau daraus entsteht Schritt für Schritt Entwicklung.
Körperbezogenes Funktionsspiel – das erste Spielzeug ist der eigene Körper
Am Anfang spielt Ihr Baby vor allem mit sich selbst:
- Finger in den Mund stecken
- Füße greifen
- Hände betrachten
- mit Armen und Beinen zappeln
Von außen wirkt das ganz schlicht, doch im Inneren läuft ein intensives Trainingsprogramm. Ihr Kind bringt Schritt für Schritt Bewegung, Sehen und Fühlen in Einklang und spürt: "Das bin ich. Das gehört zu mir." Wenn es zum Beispiel die Arme bewegt und die Hand zufällig im Gesicht landet, braucht es meist nicht lange, bis es merkt: Diese Berührung kommt von mir – und im nächsten Schritt versteht: Das ist mein Arm.
So entsteht ein erstes, sicheres Gefühl für den eigenen Körper – eine wichtige Grundlage für Selbstvertrauen, Bewegungsfreude und alle weiteren Schritte der Entwicklung.
Gegenstandsbezogenes Funktionsspiel – jetzt kommt die Welt dazu
Sobald Ihr Kind greifen kann, kommen Gegenstände ins Spiel. Die Hand wird zum "Werkzeug des Denkens":
- Rasseln werden geschüttelt, in den Mund gesteckt und fallen gelassen
- Beißringe werden erkundet
- Becher werden aus- und eingeräumt
- Bausteine werden geschlagen, geworfen, aneinandergestoßen
Für Erwachsene wirkt das manchmal wie "ewige Wiederholung". Für Ihr Kind ist es echter Forscheralltag: "Wenn ich dies tue, passiert das."
Mit jedem Schütteln, Klopfen und Kullern entstehen neue Verknüpfungen im Gehirn. Gedächtnis, Auge-Hand-Koordination und Wahrnehmung greifen immer besser ineinander. Ihr Kind übt, speichert ab und verfeinert – aus reiner Freude am Tun. So entsteht nach und nach ein Repertoire an Bewegungsmustern, die es später in ähnlichen Situationen wieder abrufen und weiter ausbauen kann. Je mehr solcher Muster zur Verfügung stehen, desto feiner kann Ihr Kind seine Bewegungen später an neue Situationen anpassen.
Passende Spielwaren in dieser Phase
Wenige, hochwertige Materialien reichen in dieser Zeit vollkommen aus. Entscheidend sind Sicherheit, Schadstofffreiheit und Langlebigkeit, damit Ihr Kind frei experimentieren kann:
- Greiflinge und Rasseln aus Plüsch oder geprüftem, schadstofffreiem Kunststoff
- Beißringe
- einfache Becher oder Dosen zum Ein- und Ausräumen
- verschiedene Materialien zum Fühlen (zum Beispiel Holz, Stoff, Kork)
Ruhige, gut greifbare Spielwaren unterstützen die Sinne, ohne zu überfordern. So entsteht ein geschützter Raum, in dem Ihr Kind mit Freude entdecken, ausprobieren und lernen kann – und Sie es gelassen begleiten können.
Symbolspiel: "So tun, als ob" wird zum Alltag (ab etwa 2 Jahren)
Mit ungefähr zweieinhalb Jahren beginnt eine neue Zauberwelt: das Symbolspiel. Ihr Kind tut nun so, als ob ein Gegenstand etwas anderes wäre oder als ob eine Situation stattfindet, die es sich innerlich vorstellen kann.
- Der Bauklotz wird zum Telefon,
- der Löffel zum Zauberstab,
- das Kuscheltier zum tröstenden Freund.
Voraussetzung dafür ist, dass Ihr Kind Dinge innerlich abspeichern und wieder abrufen kann. Es erinnert sich an Situationen, auch wenn sie gerade nicht sichtbar sind.
Was daran so wertvoll ist
Im Symbolspiel
- verarbeitet Ihr Kind Erlebnisse aus dem Alltag,
- probt es neue Rollen und Reaktionen,
- stärkt es Fantasie und Sprachentwicklung.
Wenn ein Kuscheltier plötzlich "Aua" hat und einen Verband bekommt, ist das mehr als süß – es ist ein kleines emotionales Übungsfeld.
Sinnvolles Spielmaterial
Auch hier gilt: weniger ist oft mehr. Besonders geeignet sind
- offene Materialien ohne feste Funktion (Bausteine, Tücher, Holzfiguren),
- wenige, hochwertige Puppen, Handpuppen oder Kuscheltiere,
- Alltagsgegenstände in kindgerechter Form (kleine Kanne, Becher, Töpfe)
- Spielküchen oder Puppenhäuser.
Je weniger "vorgefertigt" ein Spielzeug ist, desto mehr Raum bleibt für Fantasie.
Ich durfte einmal im Wartezimmer unseres Kinderarztes mit allen anwesenden Kindern eine kleine Teeparty feiern. Meine Tochter und ich nutzten das Kinder-Teeservice vor Ort und ehe ich mich versah, saßen alle wartenden Kinder mit am Tisch. Ich habe imaginären Kuchen geschnitten, "Orangen geschält" und Tee nachgeschenkt – und das alles mit nur vier kleinen Kinderteetassen und einer Teekanne. Vielleicht hatten Sie und Ihre Kinder ja ähnliche Erlebnisse.
Konstruktionsspiel: Aus Ideen werden sichtbare Werke (ab etwa 2 Jahren)
Im Konstruktionsspiel entsteht etwas: Ein Turm, ein Haus, eine "Rennstrecke", eine Ritterburg. Ihr Kind verfolgt nun ein Ziel und probiert aus, wie es dieses Ziel erreichen kann.
- "Ich baue ein Haus."
- "Ich mache einen ganz hohen Turm."
- "Hier fahren die Autos durch."
Es plant, ordnet, probiert, erlebt Erfolg und Misserfolg – und beginnt, Handlungen vorauszudenken. Wenn der Turm immer wieder umfällt, entsteht ganz nebenbei ein erstes Verständnis von Statik und Ursache-Wirkung.
Warum das so wichtig ist
Im Konstruktionsspiel
- übt Ihr Kind Konzentration und Ausdauer,
- trainiert es Feinmotorik und räumliches Denken,
- erlebt es Selbstwirksamkeit: "Ich kann etwas erschaffen."
Geeignete Spielwaren
- Bausteine in verschiedenen Größen und Formen,
- Stecksysteme oder Schraubelemente,
- einfache Fahrzeuge, die eingebunden werden können.
Auch hier macht Qualität einen großen Unterschied: Stabil verarbeitete Teile, angenehme Haptik und langlebige Materialien laden immer wieder zu neuen Bauprojekten ein.
Rollenspiel: Die große Bühne des Miteinanders (ab etwa 3 Jahren)
Im Rollenspiel schlüpfen Kinder in verschiedene Rollen und erleben soziale Situationen auf ihre Weise nach:
- "Wir spielen heute Arztpraxis."
- "Du bist die Person, die krank ist, ich bin die Person, die hilft."
- "Jetzt bist du dran mit Einkaufen."
Kinder ahmen dabei Erwachsene nach, erproben aber auch eigene Lösungen. Gerade schüchterne Kinder können im Rollenspiel plötzlich sehr mutig sein. Sie dürfen ausprobieren, wie es sich anfühlt, stark, tröstend, bestimmend oder hilfesuchend zu sein. Vielleicht haben Sie sich ja auch schon einmal in den Aussagen Ihres Kindes wiedererkannt?
Was Ihr Kind hier lernt
- soziale Regeln (abwarten, zuhören, dran sein),
- Perspektivwechsel ("Wie fühlt sich die andere Person?"),
- Umgang mit Konflikten ("Wer bekommt welche Rolle, wie lösen wir Streit?").
Rollenspiele sind ein sicherer Raum, um starke Gefühle und Erfahrungen zu verarbeiten – von der aufregenden Untersuchung beim Arzt bis zum Streit auf dem Spielplatz.
Unterstützende Materialien
- wenige, gut ausgewählte Verkleidungsstücke (Tücher, Hüte, einfache Accessoires),
- ein kleines Set an Utensilien (Arztkoffer, Kochtopf, Kinderkasse),
- Puppen und Figuren für Alltagsszenen.
Es braucht keine volle Kostümkammer. Oft reichen ein Tuch, ein Löffel und viel Fantasie, um eine lebendige Szene entstehen zu lassen.
Regelspiel: Gemeinsam spielen, gemeinsam wachsen (ab etwa 3 Jahren)
Regelspiele treten meist etwas später in den Vordergrund. Ihr Kind versteht nun, dass es feste Spielregeln gibt, an die sich alle halten.
- einfache Brett- oder Kartenspiele,
- Bewegungs- und Fangspiele mit klaren Absprachen.
Dafür braucht es schon einiges an kognitiver Reife:
- Regeln merken und anwenden,
- abwarten, bis man an der Reihe ist,
- mit Frust umgehen, wenn man nicht gewinnt.
Gerade das Verlieren ist ein großer Lernschritt. Kinder erleben, dass unangenehme Gefühle wieder vorbeigehen, und dass das Miteinander wichtiger ist als der Sieg.
Welche Spiele passen
- einfache Würfelspiele mit kurzen Runden,
- Kooperationsspiele, bei denen alle gemeinsam ein Ziel erreichen,
- altersgerechte Bewegungsspiele.
Gemeinschaft und Freude stehen hier im Mittelpunkt. Spiele, die nicht laut "herumschreien", sondern in ruhiger Atmosphäre gespielt werden können, passen besonders gut in einen harmonischen Familienalltag.
Wie ein aufgeräumtes, minimalistisches Kinderzimmer helfen kann
Vielleicht kennen Sie das: Ein volles Regal, aber Ihr Kind sagt trotzdem "Mir ist langweilig". Zu viel Auswahl überfordert Kinder oft.
Ein übersichtlicher Spielbereich mit einigen, gut erreichbaren Materialien
- erleichtert die Entscheidung, womit gespielt wird,
- lädt zu vertieftem, selbstbestimmtem Spiel ein,
- hilft, dass das Aufräumen gemeinsam gut gelingt,
- unterstützt einen ruhigen, weniger reizüberfluteten Alltag.
Rotierend ausgewählte Spielwaren – ein Teil ist in Gebrauch, ein Teil ist "auf Pause" im Schrank – können dabei helfen, die Freude am Entdecken zu erhalten, ohne ständig Neues anschaffen zu müssen.
Unsere Kinder hatten zum Beispiel eine Rollkiste mit Spielzeug und zusätzlich ein kleines Regal mit unterschiedlich großen Schubfächern zum Ein- und Ausräumen. Abends haben wir die Schubkästen beim Aufräumen immer wieder neu bestückt und auch den Inhalt der Rollkiste regelmäßig verändert. So konnten wir die Menge an Spielzeug gut begrenzen – und dennoch blieb es für die Kinder abwechslungsreich und spannend.
Worauf es bei der Auswahl von Spielwaren wirklich ankommt
Zwischen all den Angeboten ist es nicht leicht, gute Entscheidungen zu treffen. Einige Leitfragen können dabei Orientierung geben:
- Fördert das Spielzeug freies, selbstbestimmtes Spiel – oder "spielt es selbst" wie z.B.: Musik- und Lernspielzeug?
- Ist es sicher, schadstofffrei und stabil verarbeitet?
- Lässt es sich vielseitig verwenden, über mehrere Altersstufen hinweg?
- Passt es in einen ruhigen, aufgeräumten Spielbereich?
- Unterstützt es die Entwicklung, ohne Druck zu machen?
Spielwaren, die offen genutzt werden können, begleiten Kinder oft viele Jahre. Ihre Familie profitiert so von Qualität und Langlebigkeit statt von ständigem Austausch.
Gemeinsame Spielzeit als kostbare Momente
Bei allen Entwicklungsstufen gilt: Ihr Kind braucht keine perfekte Spielplanung. Es braucht vor allem
- verlässliche Bezugspersonen,
- Raum zum freien Entdecken,
- wenige, gut ausgewählte Materialien,
- gemeinsame, liebevolle Spielmomente.
Ob beim Turmbau, beim "So tun als ob" oder beim ersten Brettspiel: Jede dieser Situationen ist ein kleines Stück gemeinsamer Geschichte, das verbindet und die Entwicklung Ihres Kindes stärkt.
Spielen ist eben nicht "nur Spielen". Es ist die Sprache, in der Kinder die Welt und sich selbst verstehen lernen. Tag für Tag, ganz selbstverständlich und mit viel Freude.
Viel Freude beim gemeinsamen Spielen wünscht Ihnen Anschütz.shop.